2019.10.27 Auf nach Süden

Um 4:30 reißt mich die sonore Weckmelodie meines Handys aus dem Schlaf. Duschen, packen, ein Blick auf den Satelliten. Er bestätigt leider die möglichen Hindernisse für meinen geplanten Flug. Westlich von Malargue liegt ein kompaktes Wolkenfeld, das sich aber im Lee der Cordillere aufzulösen beginnt. Zwischen San Martin bis südlich von Bariloche ist die Feuchte der hereinkommenden Kaltfront zu sehen. Mein Plan für einen neuen Rekord geradeaus über 2.600 km bis nach Rio Grande erscheint auch mir, recht ambitioniert. Doch, wer nicht probiert, verliert. Schließlich habe ich auf der gesamten Strecke eine deutliche Rückenwindkomponente und das hilft ungemein zum Überbrücken schwieriger Passagen. Bedauerlicherweise funktioniert mein SkySight-Zugang nicht. Die berechneten Wellenaufwinde, die man sogar ins LX 9000 laden kann, sind eine enorme Unterstützung.

 Um 5:30 verlasse ich das Hotel in Jachal. Oscar, der Präsident des Aeroclubs holt mich wie vereinbart ab. Am Flugplatz angekommen, warten schon eine Handvoll der Mitglieder, um sich den Frühstart des illustren Vogels und Gastes anzuschauen.

10 Minuten vor Sonnenaufgang hebe ich ab. Ich nehme Kurs auf meinen geplanten Abflugpunkt ca. 65 km nordwestlich von Jachal.

Morgenstimmung

Die Vorhersage zeigt erst in ca. 4.000 m ausreichenden Wind für eine vernünftige Wellenbildung. Ich folge dem breiten, fast ausgetrockneten Verlauf des Rio Jachal. In 2.700 m verspüre ich erste Turbulenz mit Ansätzen von ausfliegbarem Steigen – zu wenig für mein heutiges Vorhaben. In knapp 4.000 m südöstlich des Colangüe wird’s deftig. Nur mit vollen Ruderausschlägen ist mein “Vogel” zu bändigen. Der Wind ist fast schlagartig auf über 100 km/h aufgefrischt. Kurze Zeit später bin ich laminar, aber wie…! Mit bis zu 10 m/s Steigen wird die Stemme hochgewuchtet. Um 7:30 mache ich mich auf den Weg.

13 Std. für 2.600 km. Macht eine Schnittgeschwindigkeit von 200 km/h….sportlich, aber machbar. 

Ich folge dem Grat der Hochkordillere in Richtung Cerro Majadita. Dem einsetzenden Sinken versuche ich zunächst in Richtung Westen auszuweichen…falsch. Nach einigem Mäandern finde ich den richtigen Abstand und rase mit weit über 200 km/h Ground Speed nach Süden. Im Lee des Aconcagua stehen sehr hohe Rotoren. Doch die Querung des Airways von Mendoza nach Santiago lässt sich in dieser Höhe wohl nicht bewerkstelligen und das geschlossene Wolkenfeld weiter südlich ist schon deutlich zu erkennen.

Ich weiche in das Lee der Cordillere de Tigre aus, die mich wohlwollend mit kräftigem Steigen empfängt. Mittlerweile kann ich Mendoza Control empfangen und bekomme eine Freigabe für das Kreuzen des Airways in FL 220. Westlich von Mendoza treffe ich auf heftiges Sinken und verlasse etwas überstürzt das Hochtal von Uspallata. Leider hält der Abwind unangenehm lange an. Jetzt bloß nicht in die thermische Schicht reinfallen. Der Stausee des Rio Mendoza zeigt strammen Ostwind. Sollte hier eine Konvergenz stehen. Ruppiges Steigen in 3.700 m bestätigt meine Vermutung.

 In 4.000 m im Lee wird es wieder ruhig und mein Fehltritt ist wieder ausgebügelt. Ich versuche schön gleichmäßig den richtigen Abstand zum Relief zu halten und komme ohne Höhenverlust mit hoher Geschwindigkeit voran. Nördlich von Malargue weicht die Cordillere nach Westen zurück. Die stratiforme Wolkenzunge erlaubt aber keinen Anflug auf die vermutlich weiter westlich stehende Wolke. Im Nu spult sich die kostbare Höhe ab. Ich fliege erstmal in Richtung Sicherheit zum Airport von Malargue. Der Tower gibt 4 kt Westwind. Das passt ganz und gar nicht zu den Staubwolken, die nur 10 km weiter nördlich die Pampa aufwirbeln. In 500 m über Grund finde ich endlich wieder kräftiges turbulentes Steigen. Malargue gibt eine neue Windinfo: 25 kt mit Böen bis 35 kt.

Mein Bart markiert durch die Staubfahnen löst offensichtlich immer an der gleichen Stelle aus. In 3.000 m fühle ich mich deutlich wohler. Leider schlagen alle meine Versuche wieder in die Welle einzusteigen fehl. Ich muss thermisch weiterfliegen. Der hohe Pass in das Tal des Rio Grande wird knapp überflogen. An der Engstelle des vom Westen kommenden Flusses bekomme ich immer wieder vorfliegend endlich genug Höhe, um den Sprung an den Hang südlich des Talausgangs zu wagen. Hier geht es zügig aufwärts. Die verheißungsvollen Cumuli wollen mich aber partout nicht vorbeilassen. Ich bleibe unter der Basis gefangen. Der nächste hohe Pass in das Barrancastal, dasselbe Spiel.

Thermisches, windverwirbeltes Steigen, viel zu langsames Vorankommen für mein Vorhaben.

Nach ewig langer Zeit kann ich endlich den Pass östlich des Domuyos überqueren. Schon von weitem lockt die gewaltige Rotorwolke der Cordillera de Viento. Von jetzt ab ändern sich die Bedingungen dramatisch!

Cordillera de Viento

Auf der Rennstrecke des Loncopuetals gibt es kein Halten mehr. Hier bin ich zuhause. Erst an der Terminalgrenze von Chapelco stoppt die zunehmende Feuchtigkeit meine Ambitionen. Auch hier trifft die Vorhersage zu.  Es ist fast 16:00. Die ausgeschriebene Strecke ist trotz Rückenwindkomponente nicht mehr zu schaffen. Mein aktueller Rekord ist auch nicht zu knacken. Ich entscheide mich für eine Landung in unserer Homebase Zapala. Natürlich mache ich vorher noch schnell die 2.000 km voll. Der Bodenwind in Zapala ist glücklicherweise moderat. Ich kann die Stemme allein handeln und parke sie am gewohnten Platz unter der Laterne. Schnell noch den Flugplan schließen. Mein Freund Fernando, der Präsident des Aeroclubs holt mich wenig später ab und bringt mich ins Hotel. Nach dem Abendessen falle ich todmüde, aber zufrieden ins Bett. Wieder viel gelernt  – fürs nächste mal.