2019.12.13 Im Rausch der Geschwindigkeit

Freitag der 13. für abergläubische Gemüter ein Grund im Bett zu bleiben.

Nicht so für uns!

Die Vorhersage sieht ganz ordentlich aus. Moderate Windzunahme mit der Höhe, die Richtung stimmt, SkySight zeigt ganz gute Wellen, besonders im Norden an. Lediglich die relativ hohe Feuchte gibt ein wenig Anlass zu Bedenken.

Der Süden in Richtung Bariloche und Esquel sieht trockener, von der Wellenentwicklung her aber eher mässig aus. Da wir am nächsten Tag wieder nach Chile wollen, planen wir zwecks Zollabwicklung ohnehin in Mendoza zu landen.

Bei der Fahrt zum Flugplatz beleuchtet der fast volle Mond riesige Lenticularisformationen.

Wir haben schon am Vortag alles vorbereitet. 15 Minuten vor Sonnenaufgang sind wir in der Luft. Nur 10 km westlich des Platzes setzt nahezu turbulenzfreies Steigen ein. Mit fast 7 m/s treibt es unsere beiden Stemme nach oben. Die Lentis sind ungewöhnlich tief. In knapp 6.000 m folgen wir den Föhnfischen auf der üblichen Linie des Loncopuetals nach Norden. Im Osten die unendliche Vielfalt des Graus (“Fifty shads of grey”), im Westen eine von der noch tiefstehenden Sonne angeleuchtete hochreichende Wolkenwand. Schnell sind wir in der Welle des Vulcans Caviahue.

Noch kommt die Sonne nicht durch!

Doch der Weiterflug wird durch die niedrigen Basen der Rotoren und ihren hochreichenden Tops, sowie riesigen Schauern aus der Staubewölkung zum Vabanquespiel. Wir tasten uns noch bis zur Cordillera del Viento, dann fällt rasch die Entscheidung die bis dahin hohe Schnittgeschwindigkeit nicht zu gefährden. Vielleicht trocknet es später etwas ab. Der Weg nach Süden lässt keine Wünsche offen. Wir verlängern unseren Flugweg etwas über den Abflugpunkt im Lee der Catanlil nach Süden. Wir folgen den schönen Rotorbändern noch eine ganze Weile. Die Steigwerte sind jedoch deutlich schwächer, also wieder zurück nach Norden auf die Rennbahn.

Wir haben Glück. Zwar sieht es westlich von Chos Malal immer noch nach Weltuntergang aus.

Östlich des Tromen zeigen einige Sonnenflecken aber eine Föhnlücke an. Unter der mächtigen Rotorwolke der Cordillera del Viento staubt noch der Regen aus der fast aufliegenden Basis. Aber der 7 m Lift hebt uns über die darüberliegende Lenti. Der Weg in das Barrancastal ist frei. Nach dem üblichen Absturz (- 9 m/s) drehen wir ein wenig nach Süden ins Lee des Tromen, der uns wieder mal mit außergewöhnlichen Steigwerten begrüßt. Der Ausblick nach Norden läßt die Herzen höher schlagen. Zwischen den vom Westen herabhängenden Schneefahnen und riesigen Lentis im Osten scheint es eine ausreichende Anzahl von Lücken zu geben, um in das Tal des Rio Grandes zu schlüpfen.

Längst haben wir Kontakt mit Mendoza Control. Eine Freigabe bis FL 250 wird problemlos erteilt. Die Groundspeed überschreitet des öfteren die 300 km/h Marke. Ab Malargue´ wird es deutlich trockener, aber immer noch zeigen uns flache Lentis die zu fliegende Linie an. Schon kommt die Laguna Diamante mit dem Vulkan Maipu in Sicht. Hier sind nur noch vereinzelte hohe Rotorwölkchen, die uns den Weg weisen. Wir surfen nun mit deutlich schwächeren Steigwerten bis kurz vor dem Tupungato, bevor wir wieder nach Süden drehen.

Der Rückweg bis zum Tromen wird gelegentlich recht spannend, wenn gerade mal eine wellenförmige Schneefahne den Weg zu versperren droht. Aber wir haben das notwendige Quentchen Glück. Immer wieder geht es ganz knapp durch die engen Korridore der Wolkengebirge. Nur kurz vor dem Tromen müssen wir fast 1.000 m mit den Bremsklappen vernichten, um im Sichtflug zu bleiben. In weitem Bogen fliegen wir südlich vom Tromen nach Westen, gerade hoch genug, um wieder in das Rotorband der Cordillera del Viento zu gelangen. Die dabei verlorene Höhe ist in dem gigantischen Steigen im Nu wieder wettgemacht.

Die Rennbahn des Loncopuetals lässt sich erwartungsgemäss auch nicht lumpen. Schon sind wir wieder südwestlich von Zapala und drehen wieder auf Nordkurs. Noch immer erschweren Schneeschauer und niedrige Basen den Weg in das Barrancastal. Wir lassen uns nicht von der bedrohlichen Optik täuschen und schlüpfen durch eine Lücke im Wolkengrau auf den bereits bekannten Racecourse nach Osten. Der Ausblick nach Norden ist schlichtweg atemberaubend. Gewaltige vertikale Wolkentürme gleissen im Sonnenlicht. Wir schiessen mit Höchstgeschwindigkeit an den weissen Wänden entlang. Der Varioton ueberschlägt sich fast. Der Integrator zeigt bis zu 11 m/s bei 180 km/h IAS an!

Schon lassen wir Malargue´ hinter uns. Die Wolken sind nun auch im Norden ausgeprägter. Nach der Laguna Diamante  fliegen wir diesmal durch den engen Pass zwischen dem Cordon del Plata und dem Tupungato. Fast schlagartig setzt hier deutliche Turbulenz ein. Die rotorigen Wolkenfetzen lassen keine klaren Strukturen mehr erkennen. An einer hohen thermisch aussehenden Wolke machen wir in turbulentem Steigen einige hundert Meter Höhe. Westlich davon wird es wieder still. Wir sind wieder in der Welle. Weit im Norden hat sich eine riesige flache Lenti gebildet. Wir surfen im Lee des Aconcaguas über das Dach von Südamerika nach Norden. Unter uns schlängelt sich die Passstrasse von Santiago nach Mendoza durch das enge Tal.

Wilde Landschaft – da ist man über jeden Meter Höhe dankbar!

Westlich von der Cordillera de Tigre nähern wir uns der markanten Lenti des Calingasta Tals. Sie enttäuscht uns nicht. An ihrer Vordekante steht beständiges Steigen. In 8.000 m brechen wir ab, obwohl das Steigen jetzt erst so richtig gut wird. Der Sauerstoffvorrat geht langsam zur Neige und in diesen Höhen braucht man eine deutlich Sicherheitsreserve. Wir surfen noch ein bisschen Richtung Norden. Der Blick auf die Uhr ermahnt jedoch zur Vernunft. Es ist Zeit umzukehren. Die tiefstehende Sonne lässt das rotbraune Felsgewirr unter uns erst so richtig sichtbar werden. Hunderte von engen Canons zeigen an, dass es hier mal Wasser gegeben haben muss. Hier könnte man problemlos einen Film über den Mars drehen.

Beim Anflug auf Mendoza informiert uns der Controler etwas unerwartet, dass wir wegen Platzmangels nicht landen können. Kein allzu großes Problem mit 6.000 m Höhe. 

Wir entscheiden uns, wieder mal unsere Segelfliegerfreunde in San Martin de Mendoza zu besuchen. Die sind bereits durch informiert und erwarten uns schon.

Der Controller lässt uns direkt über den Flughafen von Mendoza nach San Martin gleiten. Unter uns das Vorfeld mit dutzenden Jets eng gestapelt. Hier wäre kein Platz mehr für unsere beiden Stemme gewesen.

In diversen WhatsApp-Gruppen der argentinischen Segelflieger wurde der Flug schon den ganzen Tag über Flightradar24 mit verfolgt. Wir landen nach 2.800 km kurz nach Sonnenuntergang. Ein gemütliches Abendessen mit unserem Freund Federico ist das Sahnehäubchen dieses für uns unerwarteten aussergewöhnlichen Flugtages.

Der lange Weg nach Mendoza